Meine Erlebnisse während des 2. Weltkriegs mit 17 Jahren auf der Flucht

Wir schreiben das Jahr 1944 und noch immer tobt der fürchterliche Krieg, der am l. September 1939 mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Polen begann. „Wir holen uns unser Land zurück‘‘ dies waren auch die Worte von Adolf Hitler. .

Der sogenannte Polnische Korridor war das Blickfeld Hitlers. Nach 18 Tagen hatte er sein Ziel erreicht und es ging nach Frankreich. Elsass und Lothringen wollte er wieder erobern Eupen und Malmedy, Böhmen und Mähren und je weiter er ins Europa vordrang, je mehr Menschen wurden geopfert, mussten sterben für Hitlers Größenwahn. Schließlich wurden auch ältere Männer eingezogen. Auch Frauen mussten als Soldatinnen in den Einsatz. 16-jährige Jungs wurden als Flackhelfer eingesetzt und auch so mancher von ihnen musste sein Leben lassen.

1944 war auch mein Jahrgang. 1926 an der Reihe. Wir mussten zur Musterung und im Juni 1944 wurden einige von uns zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. Ich war noch 17 Jahre alt und musste nach Baden-Württemberg.
Dort kamen wir in den Einsatz in der Landwirtschaft, bei kinderreichen Familien oder auch in Fabriken. Nach 4 Monaten Arbeitsdienst-Lager mussten wir in den Kriegseinsatz zu einer Scheinwerfer-Batterie nach Westfalen ins Münsterland. Ich kam mit einigen Kameradinnen nach Handorf. Dort befand sich in unmittelbarer Nähe auch der Fliegerhorst Handorf. Wir waren eingeteilt in 4 Züge und ich war beim 2.Zug. Wir wurden ausgebildet am Horchgerät, am Dunkelsuchgerät und am 18oer Scheinwerfer. Ich wurde zusätzlich noch als Telefonistin am Feldfernsprecher 33 ausgebildet. Wir mussten sowohl feindliche als auch deutsche Flieger am Fluggeräusch erkennen. Gefechts- und Navigationsleuchten war unsere Aufgabe. Es war nicht immer einfach, wenn rundum die Bomben fielen oder die feindlichen Tiefflieger schossen.

Dort befand sich die sogenannte Nachtjagd-Staffel „Wilde Sau“. Das hieß, wir mussten mit dem Scheinwerfer die feindlichen Flieger anleuchten, die Flack schoss dann auf sie und die deutschen Jagdflugzeuge stiegen auf um die feindlichen Flieger abzuschießen. Es war manchmal die Hölle. Nun wurde auch in unserer Stellung das Essen knapp und ich ging tatsächlich mit einer Kameradin zu den Bauern um ein paar Kartoffeln zu betteln. Einmal stieg ich sogar über einen Zaun am Fliegerhorst in einen dahinterliegenden Garten, der einem Offizier gehörte und habe dort ein paar rote Rüben und ein paar Möhren geklaut.

Eines Tages wurde ich dann noch abberufen zu einem Lehrgang als „Strippenzieher“ nach Nachod in die Tscheoslowakei. Ich musste dort lernen Telefonleitungen zu verlegen. Wie man dies macht mit SFK, mit LFK und mit Blankdraht. Ich musste lernen auf Telefon-masten zu steigen und wie die Anschlüsse an einen 32er Klappenschrank gemacht werden. Nach etwa 6 Wochen war der Lehrgang beendet und ich konnte wieder zurück nach Handorf zu meiner Einheit.

Inzwischen waren meine Eltern aus dem Saarland wieder evakuiert und ich wusste nicht wo sie sind und sie wussten nicht wo ich war. Ich hatte sie im Raum Schlüchtern vermutet und fuhr auf meinem Weg zur Einheit einfach dort vorbei. Aber leider waren sie nicht da. Als ich zu meiner Einheit zurückkam, war ich natürlich 3 Tage zu spät und wurde wegen unerlaubtem Entfernen von mei­ner Truppe zu 75 Tagen Gefängnis verurteilt. Ich durfte zunächst in meine Stellung zu meinen Kameradinnen zurückkehren und sollte abwarten bis ich abgeholt werde um meine Strafe abzusitzen.

Doch schon nach ganz kurzer Zeit kam der Befehl, das Nötigste an persönlichen Dingen zusammenzupacken, weil wir versetzt werden nach München an einen 200 er Scheinwerfer. Es wurde uns ein Treffpunkt genannt, wo sich alle vier Züge treffen und dann mussten wir los marschieren. Keiner wusste, was so richtig los war. Nachts haben wir uns in irgendwelchen Feldscheunen aufgehalten. An einem Tag begegneten wir einem kleinen Trupp deutscher Soldaten und einer fragte mich wohin wir marschieren. Ich sagte ihm, dass wir nach München zu einem größeren Scheinwerfer abkommandiert ­seien. Man sagte mir, dass dies unmöglich sei, denn die Amerikaner hätten Deutschland praktisch schon in Nord und Süd geteilt. Sie seien bei Frankfurt schon fast durch die Ganze Mitte Deutschlands. Inzwischen stieg auch der Hauptmann aus seinem Fahrzeug aus und er hat mir bestätigt was der Unteroffizier gesagt hat.

“Dies war für mich der Moment auch abzuhauen.“
– Lore Kübler (91)

Dies war für mich der Moment auch abzuhauen. Ich fragte den Hauptmann wohin sie fahren und er sagte mir, dass er eigentlich mit den paar Leuten an die Ostfront soll, er dies den Soldaten aber nicht mehr zumuten will, weil der Krieg verloren und in ein paar Tagen zu Ende sei. Ich fragte ihn, ob ich mit ihnen flüchten kann und er er­laubte mir in einem Jeep zwischen 2 Unteroffizieren Platz zu nehmen. Tags über fuhr man einfach durch die Gegend und abends auf einen größeren Bauernhof. Der Hauptmann fragte immer ob man für mich ein Bett oder eine Schlafgelegenheit im Haus habe und die Soldaten schliefen in der Scheune im Heu, Stroh oder wie auch immer.

Die 12 Fahrzeuge mussten so gestellt werden, dass man sie nicht so schnell entdecken konnte. Eines Tages sahen wir von weitem schon amerikanische Panzer. Wir standen am Berghang und sie hatten uns scheinbar nicht entdeckt. Die kleine Kolonne fuhr auf den nächsten Hof und fragte dort, ob man über Nacht bleiben könne. Auch hier hatten wir Glück. Am nächsten Morgen fragte der Hauptmann die Bäuerin ob ich dort bleiben könnte, weil es jetzt zu gefährlich werde, mich noch weiter mitzunehmen. Er rech­nete damit in den nächsten Tagen in Gefangenschaft zu kom­men. Der Hauptmann war sehr besorgt um mich, er hatte mir gesagt, dass er selbst eine Tochter von 16 Jahren habe und er froh sei, wenn ihr nichts geschieht. Die Bäuerin hat auch sofort zugestimmt.

Ich bedankte mich bei dem Hauptmann und den beiden Unteroffi­zieren bei denen ich im Jeep mitfahren durfte, die mich auch respektvoll behandelt und begleitet haben. Einige der Soldaten haben mir auch einen Spruch als Erinnerung in mein Poesiealbum geschrieben. Am frühen Morgen hat der Trupp dann den Hof, sicher in eine ungewisse Zukunft verlassen. Ich blieb also da und habe mich auch ein wenig nützlich gemacht. Ich half im Haus, im Stall und auf dem Feld. Es war ja Frühjahr und die Kartoffel wurden gesetzt. Die Bäuerin war sehr traurig: Sie hatten nur einen Sohn und der war im Krieg vermisst. Sie hat fast nur geweint. Sie hatte mir anvertraut, dass sie ihren Onkel heiraten musste, nur damit der Hof aus Tradition weiter de gleichen Namen trug wie schon seit 165 Jahren.

Es gefiel mir sehr gut auf dem Hof und die Bauersfamilie war sehr nett zu mir, aber mich zog es doch zu meiner Familie. So habe ich mich dann nach ein paar Wochen aufgemacht und bin zu Fuß in Richtung Kassel, weil ich wusste dort wohnt eine Kusine von mir. Die Bauersfrau hat mich dann mit belegtem Brot versorgt und so bin ich von Rannenberg bei Rinteln an der Weser zu Fuß nach Kassel gelaufen. Ich wusste, dass Kassel südlich von Rinteln/Haineln liegt und bin nach der Sonne gelaufen.

Weil der Krieg endlich vorbei war und die Amerikaner und Engländer als Besatzer da waren durfte man nur bis abends um 6 Uhr auf der Straße sein. Ich bin von morgens 8.oo Uhr gelaufen und habe mir kurz von 18.oo Uhr ein Quartier in einer Scheune gesucht. Manchmal haben mich Leute auch im Haus Übernachten lassen. Ich kam nach 3 1/2 Tagen über Bad Pyrmont und Höxter schließlich in Freitenbach bei Kassel bei meiner Kusine an. Nach ca. 6 Wochen habe ich mich von dort wieder auf den Weg Richtung Saarbrücken gemacht. Teils zu Fuß und teilweise auf Kohlenzügen kam ich dann endlich in meiner Heimat an.

Autorin: Lore Kübler (91)