Lenbensgeschichten hautnah in Giessener Schule erleben

Zum Tag der offenen Tür konnte die Ricarda-Huch-Schule die Ausstellung der “Gießener Ladies” im Flur ihres Jugendstilgebäudes aufhängen. Gezeigt werden Porträts von Gießener Frauen, die älter als 70 Jahre alt sind und über reichhaltige Erfahrungen verfügen, die sie der Öffentlichkeit zugänglich machen wollen. Katrin Dammann hat die “Ladies” fotografiert, kurze biografische Angaben zeigen Lebensweg, einschneidende Erlebnisse und den Umgang mit Schicksalsschlägen auf.

Zum Tag der offenen Tür konnte die Ricarda-Huch-Schule die Ausstellung der “Gießener Ladies” im Flur ihres Jugendstilgebäudes aufhängen. Gezeigt werden Porträts von Gießener Frauen, die älter als 70 Jahre alt sind und über reichhaltige Erfahrungen verfügen, die sie der Öffentlichkeit zugänglich machen wollen. Katrin Dammann hat die “Ladies” fotografiert, kurze biografische Angaben zeigen Lebensweg, einschneidende Erlebnisse und den Umgang mit Schicksalsschlägen auf.

Zu Besuch im Erzählcafé
Von diesen Frauen hatten sich Ika Bordasch, Gisela Cordes, Renate Giersch, Petra Höring und Lore Kübler bereiterklärt, an die Ricarda-Huch-Schule zu kommen, um in Erzählcafés Schülern aus ihrem Leben zu berichten und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Besonders imposant war der Besuch von Lore Kübler, die mit ihren über 90 Jahren hinreißend erzählen konnte. Besonders ergreifend war die Schilderung, wie sie nach Kriegsende von einem sowjetischen Offizier weggeführt wurde, der sie bestimmt und alles andere als herzlich in einen dunklen Seitenweg bugsierte, um ihr dann, wie sich herausstellte, “nur” ein Massengrab zu zeigen, in dem von Deutschen ermordete Menschen verscharrt lagen. Der Geschichtskurs aus dem Jahrgang 11 lauschte gespannt und hatte jede Menge Fragen.

Aber nicht nur aus der Oberstufe kamen Schüler ins Erzählcafé, auch Hauptschulklassen, Religionskurse aus den Jahrgängen 7 und 8, nahmen daran teil. Powi-Kurse hatten zum Thema “Familie” viele Anknüpfungspunkte. Da ging es beispielsweise um frühzeitige Übernahme von Verantwortung. Ika Bordasch berichtete, dass sie als Älteste von sechs Geschwistern immer auf alle anderen aufpassen musste. Aufgewachsen im ehemaligen Jugoslawien, einige Jahre davon im Lager für “Volksdeutsche”, später nach Deutschland gekommen, erzählte sie, dass sie nur durch Zufall auf ein Gymnasium gekommen sei; als katholisches Arbeiterkind hatte sie zu kämpfen: eine Mathelehrerin habe den Mädchen prophezeit, dass sie doch bald heiraten würden und gar keine Hochschulreife bräuchten. Da hätte sie nur bei sich gedacht: “Wie blöd kann man denn sein, so früh zu heiraten und Kinder zu bekommen?” Sie hat es auch dank eines etwas einfühlsameren Lehrers geschafft, ihr Abitur zu machen und ein Lehramtsstudium zu absolvieren. Und hat trotzdem alleine einen Sohn großgezogen.

Insgesamt waren acht Lehrkräfte beteiligt und zwölf Klassen. Auch Petra Höring war im Geschichtsunterricht und hat mit der Klasse 13 über die Nachkriegszeit geredet. Sie resümiert: “Ich habe die Schüler als sehr aufmerksam und interessiert erlebt, die meisten haben Fragen gestellt oder auch von dem erzählt, was sie wussten.”

In enger Kooperation mit Friederike Stibane vom Frauenbüro und dem Fachberater für kulturelle Bildung am Staatlichen Schulamt, Michael Meyer, war das vorweihnachtliche Erzählcafé an der Ricarda-Huch-Schule zustande gekommen. Eine schöne Idee, bereichernd für alle!

(Giessener Allgemeine, 22.12.2019) https://www.giessener-allgemeine.de/giessen/bereichernde-lebensberichte-11888023.html