Wie man nach einem schicksalhaften Unfall die Kraft und den Mut findet glücklich weiterzuleben

Frau Giersch war sportlich, spielte Tennis und fuhr Ski, und besuchte gerne das Theater. Doch 1997 nahm ihr Leben eine dramatische Wendung: Sie war mit ihrem Sohn im Auto auf dem Weg nach Greifswald, als bei Erfurt am Steuer in einen Sekundenschlaf fiel und einen schweren Unfall verursachte. Als Frau Giersch nach drei Tagen aus dem Koma erwachte, konnte sie ihren Körper nicht bewegen. Ein Bruch des Halswirbels führte dazu, dass Frau Giersch querschnittsgelähmt blieb. Ihr Sohn blieb unverletzt.


Frau Giersch. Wie kam es damals zu dem Unfall. Was ist passiert?

Ich war Krankenschwester und habe zu der Zeit viel gearbeitet. Mein Mann damals in Wien berufsbedingt. Mein Sohn hatte 1997 grade das Abitur geschafft und einen Studienplatz in Greifswald bekommen. Um ihn zu motivieren schlug ich ihm vor, dass wir uns die Universitätsstadt einmal anschauen und sagte spontan, dass ich ihn dorthin fahre. Wir fuhren am frühen Abend von Bad Schwalbach Richtung Mecklenburg Vorpommern. Kurz vor Güstrow fiel ich in einen Sekundenschlaf. Mehr weiß ich nicht. Als ich nach 3 Tagen wieder aufwachte war mein erster Gedanke mein Sohn. Es ging ihm Gott sei Dank gut. Ich hatte Glück im Unglück, denn nur 5 km von dem Unfallort entfernt gab es eine sehr gute neurologische Spezial-Klinik, wo ich dann nach dem Unfall mit dem Hubschrauber transportiert wurde. Ich hatte einen Halswirbelbruch und ich war von Kopf bis Fuß querschnittsgelähmt.


Das muss ein Schock für Sie gewesen sein. Wie ging es weiter?

Gleich nachdem ich von der Wachstation auf die normale Station verlegt wurde, begann ich mit der Rehabilitation. Das bedeutete 6 Stunden täglich Therapie. Ich musste wieder die ganz alltäglichen Dinge erlernen, wie essen, schneiden, trinken, Haare kämmen, Zähne putzen, Schminken, ankleiden und natürlich den Umgang mit dem Rollstuhl und anderen Hilfsmitteln. Zum Beispiel ein Brett zum Übersetzen vom Rollstuhl in ein Auto. Nach 8 Wochen lernte ich bereits Tischtennis zu spielen mit einem Schläger, der an meiner Hand festgebunden wurde. Ich begann mit Badminton und Bogenschießen und sowie tägliches Krafttraining.
Nach einem Jahr wurde ich entlassen. All die Zeit war ich von meiner Familie getrennt, aber durch die ständigen Besuche und durch viel guten Zuspruch fand ich immer wieder Kraft und lernte auch die wunderschöne Landschaft der mecklenburgischen Seenplatte kennen und schätzen. Die Klinik lag direkt am Plauer See und ich genoss den Himmel von Caspar David Friedrich. Mit einigen der Menschen, die mich begleiteten auf den Weg zur Genesung, bin ich heute noch in Briefkontakt. Als mich eines Tages der Chefarzt fragte, ob ich einer neu eingelieferten querschnittsgelähmten Patienten Mut zusprechen sollte, dass es weitergeht, da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, dass ja auch ich querschnittsgelähmt bin.

Mir war klar, dass ich nach diesem Jahr nicht mehr nach Hause zurück konnte. In Gladenbach hat meine Familie und ich ein Haus gefunden, dass sich „Zentrum für junge Körperbehinderte“ nannte. Dort bezog ich ein kleines Appartement. Ich lebte dort 3 Jahre. Im Keller wurde extra für mich ein Tischtennisraum eingerichtet sowie ein Kunstraum, in dem ich malen konnte. Enkaustik habe ich dort auch gelernt. Das ist eine Maltechnik, bei der in Wachs gebundene Farbpigmente heiß auf den Maluntergrund aufgetragen wird.

In den 3 Jahren hatte ich einen großen Marktstand mit all den selbst hergestellten Dingen. Eine wunderbare Erinnerung war die Kunstausstellung zusammen mit meinem Schwager. Heute bastele ich besondere Postkarten mit Collagen. Das macht mir viel Freude. Im Alleenhof , in Rechtenbach und in Giengen bei Ulm hatte ich auch Ausstellungen. 2002 wagte ich den großen Schritt in die Unabhängigkeit. Ich bezog eine rollstuhlgerechte Wohnung in Gießen.

“Ich fühle mich stärker als jemals zuvor.”
– Renate Giersch –


Sie wirken so zufrieden. Wie haben Sie das geschafft?

Früher war ich immer sehr unsicher. Ich weiß nicht warum. Ja, ich weiß es hört sich verrückt an. Mein Schwager sagte: “Wenn eine das schafft von uns, dann die Renate.” Aber ich habe mich nie stark gefüllt. Heute aber fühle ich mich stärker als jemals zuvor. Ich habe mit eigener Kraft mein Schicksal in die Hände genommen und das Beste daraus gemacht. Diese Herausforderung hat mich stark gemacht. Ich lebe viel bewusster. Freue mich an Kleinigkeiten. Den Farben des Himmels, den Blumen in meiner Vase.
Ich bin dankbar, dass ich heute in einer Wohnung lebe, die ich mir für meine Bedürfnisse perfekt eingerichtet habe. Und ich habe genug Platz für meine Geschwister, Kinder und Enkel, wenn sie mich besuchen wollen. Diese gemeinsame Zeit genieße ich sehr. Es ist etwas Wunderbares. Wenn man so ein einschneidendes Erlebnis hatte wie ich, das dann das ganze Leben auf den Kopf stellt, verschieben sich die Wichtigkeiten. Zeit spielt eine andere Rolle. Ich lebe, habe eine wunderbare Familie, genieße Konzerte und Theater und meine Hobbys. Und, wie gesagt, fühle mich stärker als jemals zuvor.


Was würden Sie sie sich wünschen von Ihren Mitmenschen?

Ich wünsche mir weniger Berührungsängste für Menschen mit Behinderung. Offenheit, Freundlichkeit, Akzeptanz und das Gesehen werden als gleiches Mitglied in unserer Gesellschaft.

Frau Giersch, ich danke Ihnen für das Gespräch.

„Eine Sekunde verändert das Leben für immer“
Interview mit Frau Giersch. Das Gespräch führte Katrin Dammann