Die heilsame Kraft der Bewegung

Geboren wurde Frau Hessler 1943 in Liegnitz, Schlesien. Zusammen mit ihrer Mutter und Bruder gelang die Flucht nach Queckborn bei Grünberg. Nach ihrer Ausbildung heiratete sie früh. Die junge Familie bekam zwei Töchter. Leider erlitt ihr Mann schon mit 52 Jahren einen Schlaganfall und starb 16 Jahre später nach langer Krankheit. Frau Hessler pflegte ihn. Wenn sie auf ihr Leben zurückschaut, ist Frau Hessler stolz und dankbar, dass sie es auch in schwierigen Zeiten geschafft hat, wieder aufzustehen, und „das Leben wieder in den Griff zu kriegen“. Geschafft hat sie das alles, wie sie sagt, durch ihre sozialen Kontakte, Familie, Freunde und durch den Sport. Heute freut sie sich an fünf Enkel, zwei Urenkel und dass sie gesund und aktiv leben kann.

Interview mit Frau Irene Hessler
Frau Hessler. Wie lange haben Sie ihren Mann damals gepflegt?

Kinder waren schon groß, hatten bereits eine eigene Familie, als mein Mann so schwer erkrankte. Der Schlaganfall kam aus heiterem Himmel. Er war danach sehr lange im Krankenhaus und dann noch einmal für ein halbes Jahr in der Reha. Als er wieder nach Hause kam, konnte er sich wenigstens langsam in der Wohnung bewegen. Gepflegt habe ich ihn dann 16 Jahre.

Woher hatten Sie die Kraft die lange Zeit durchzuhalten? Was hat Ihnen geholfen?
Also, das war so: Noch während der Zeit der Pflege, war zu einem Kaffee trinken eingeladen. Als eine der Damen sich plötzlich verabschiedete und meinte. Sie müsse jetzt los zum Lauftreff, das hilft ihr. Da hat etwas bei mir KLACK gemacht und ich dachte, „ wenn die das kann, dann kann ich das auch“. Und so habe ich angefangen mit 54 Jahren zu laufen.

Waren Sie schon früher sportlich?

Ich war in der Turnstunde, aber ich hielt mich für das Laufen nicht geeignet. Als ich dann aber die Menschen kennen lernte, und meinen eigenen Laufrhyhtmus entdeckte, merkte ich, wie wunderbar das Laufen für mich ist und wie gut es mir tut.

Was gefällt Ihnen so am Laufen?
Die Bewegung an der frischen Luft, aber natürlich auch die Gemeinschaft, die einen trägt und Kraft gibt. Wir sind füreinander da, auch in Krisenzeiten, zB. damals als mein Mann starb. Alle waren sofort da um zu helfen. Durch das Laufen habe ich gemerkt, wie wichtig auch der Ausgleich zur Pflege ist. Man wird ausgeglichener. Ich habe gelernt, wie gut es mir tut und wie wichtig es ist, sich auch um sich selbst zu kümmern. Sich Zeit für sich zu nehmen.
Was mir sonst noch am Laufen gefällt: Man hat Spaß, lernt tolle Leute kennen und tut etwas für seine Gesundheit. Damals nach meiner Hüftoperation war ich sehr schnell wieder auf den Beinen. Das ist auch den Ärzten aufgefallen.
Ja, das Laufen hat mein Leben verändert. Aber nicht nur meins, sondern auch das Leben von vielen lieben Freunden aus der „Waldfamilie“, wie wir den Lauftreff liebevoll nennen.

Jetzt im Rückblick. Was würden Sie jungen Frauen raten, die in ähnliche Situationen sind?
Sich abmühen mit dem Alltag, Kinder oder auch der Pflege von Angehörigen?

Ich würde ihnen sagen: Umgebe dich mit Menschen, die Dir guttun, Freunde, Familie. Die Gemeinschaft kann dir viel Kraft und Freude geben. Und bei allem was Du gibst: Es ist wichtig auf sich selbst, auf seine Gesundheit, zu achten. Man sollte sich selber nicht vergessen in all der Hektik des Alltags und herausfinden was einem gut tut. Körperlich und geistig. Und sich dann dafür Zeit nehmen. Sich diesen Freiraum schaffen und es dann zu seiner Priorität im Leben machen.

Frau Hessler, Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Interview mit Frau Hessler. Das Gespräch führte Katrin Dammann

Anmerkung: Renis Lauftreff:
Lauftreff 1974 Biebertal e. V.